Geschichtlicher Überblick
Gründung im Jahr 1909
Franz Xaver Setzer (1886–1939), ausgebildet an der Kaiserlich-Königlichen Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt, gründete 1909 im Dachgeschoss der Museumstraße 5 in Wien VII sein Fotoatelier.
Setzer betrachtete seine Bildnisse stets als Kunstwerke. Der von ihm geprägte Stil der Porträtaufnahmen vor schmucklosem Hintergrund galt damals als sehr modern. Dass die im Atelier Setzer entstandenen Porträts von höchster künstlerischer Qualität waren, hatte sich im Wien der Zwischenkriegsjahre rasch herumgesprochen. Das lichtdurchflutete Fotostudio galt als eine der ersten Adressen für Porträtaufnahmen.
Auch das Ambiente bei „Setzer – Photographische Bildnisse, hinter dem deutschen Volkstheater“ – wie eine Werbekarte aus frühen Jahren den Standort beschreibt – entsprach den hohen Anforderungen – selbstverständlich bereits damals mit „Lift und Fernsprecher“.
Bereits in frühen Jahren ließen sich viele berühmte Persönlichkeiten aus der Theater-, Opern- und Kulturszene von Setzer porträtieren. In Anerkennung der hohen Qualität der Arbeiten wurde Setzer 1917 die Voigtländer-Medaille der Photographischen Gesellschaft verliehen.
Im Jahre 1920 heiratete Franz Xaver Setzer die berühmte Opernsängerin Marie Gutheil-Schoder, wodurch seine gesellschaftliche Stellung weiter ausgebaut wurde. Setzer unternahm wiederholt Reisen nach Salzburg. Die Salzburger Festspiele waren einerseits Gelegenheit, Aufnahmen vor Ort anzufertigen, als auch Aufträge für das Atelier in Wien zu erhalten.
Einstieg der Familie Tschiedel
Im April 1920 trat die damals zwanzigjährige Marie Karoline Tschiedel (1899–1980) eine Stelle als Assistentin im Atelier an. Sie hatte ebenfalls an der K.u.K. Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt studiert und sich in den Gebieten der Porträtfotografie und Negativretusche spezialisiert. Das junge Fräulein Tschiedel avancierte 1934 zur technischen Leiterin des Atelierbetriebes, legte 1935 die Meisterprüfung ab und führte das Fotostudio in Wien, während Setzer die Kunden des Ateliers akquirierte.
Die aufkeimende Weltwirtschaftskrise wirkte sich auch auf die Arbeit im Atelier aus, da sich die Auftragslage verschlechterte. Setzer hat sich zu diesem Zeitpunkt, auch aus gesundheitlichen Gründen, zunehmend aus dem gesellschaftlichen Leben zurückgezogen. Mit nur 52 Jahren verstarb Franz Xaver Setzer im Januar 1939 infolge einer schweren Krankheit. Die letzte Aufnahme von Setzer ist im Plattenbuch mit der Nummer 18448 eingetragen.
Marie Karoline Tschiedel erwarb das Atelier von seinen Erben und führte es ab Mai 1939 unter dem Namen Setzer-Tschiedel nahtlos weiter. 1945 wurde der straßenseitige Teil des Dachgeschosses durch einen Bombentreffer stark beschädigt. Das Atelier wurde dabei zwar nicht unmittelbar getroffen, die Arbeiten mussten jedoch eingestellt werden. Unmittelbar nach Kriegsende wurde das Atelier und das Archiv zunächst von der russischen und in weiterer Folge von der amerikanischen Besatzungsbehörde beschlagnahmt. Durch intensive Verhandlungen konnte Tschiedel die Rückgabe erwirken und den Betrieb bereits 1946 wieder aufnehmen.
Auch in den folgenden Jahren zählten Künstler und Schauspieler zum Klientel des Ateliers – die Fotografie wurde jedoch zunehmend breiteren Bevölkerungskreisen zugänglich und verlor dadurch ihre Exklusivität. Marie Karoline Tschiedel hielt den Atelierbetrieb an diesem Standort zeitlebens aufrecht. Erst im Dezember 1979 stellte sie – gezeichnet von schwerer Krankheit – die Tätigkeit ein und verstarb ein halbes Jahr später. Damit hatte der exakt 70 Jahre bestehende Atelierbetrieb sein Ende gefunden.
Erbfolge und Fortführung
Im Zuge der Erbfolge übernahm Marie Karoline Tschiedels Neffe, Dipl.-Ing. Walter Tschiedel, die Geschäftsräume, welche in der Folge ohne wesentliche Umbaumaßnahmen als Büro dienten. Der Archivbestand blieb unverändert bestehen. Im Jahr 2002 wurde das gesamte Archiv sowie die Räumlichkeiten im Familienverband an seinen Sohn, Mag. Wolfgang Tschiedel, weitergegeben, der gegenwärtig Eigentümer ist.
Da das Atelier seit der Gründung stets im Familienbesitz geblieben ist, konnte es bis zum heutigen Tag nahezu im Originalzustand erhalten bleiben. Das Atelier Setzer-Tschiedel ist somit das einzige namhafte Fotostudio aus der Pionierzeit der Fotografie, das in seinem Gesamtbestand noch existiert.
